Leseprobe

Gefangene der Zukunft

Marsch zum Bunker der Rebellen

»Leute, aufstehen! Es ist 07:00 Uhr, in einer Stunde marschieren wir ab!«
Es war der Professor, der sie weckte. Er sah erholt aus. »Sie haben ausreichend Zeit, um sich ein wenig frisch zu machen. Ich habe Ihre Sachen bereits gepackt, der Inhalt der Rucksäcke besteht aus jeweils fünf Dosen Energiegetränke, zwei Vitaminpillen und zwei Essenspräparaten. Das kleine, billig aussehende Kästchen, das Sie ebenfalls vorfinden werden, ist ein mobiles Navi-Gerät, das Ihnen die Umgebung auf dem Display anzeigt. Sie werden es brauchen können und es kann am Handgelenk montiert werden.«
Das Gerät sah tatsächlich billig aus, doch als Joe es einschaltete, erstaunte es ihn. In höchster Auflösung erschien auf dem Display die Räumlichkeit, in welcher sie sich befanden, und man konnte den Anzeigeradius manuell auswählen, sodass Joe auch die nähere und weitere Umgebung anschauen konnte.

»Wow, nicht schlecht ein Hologramm Projektor, nur dass man auch in die Gebäude reinschauen kann, genial, von sowas habe ich früher immer geträumt«, meinte er begeistert.
Der Professor lächelte. »Nun richten Sie sich her, wir brechen um 08:00 Uhr auf.«
Doch Vivi sträubte sich. Tags zuvor noch war sie mit der Flucht einverstanden gewesen, doch heute schien alles anders zu sein.
»Was ist los, Vivi?«
»Ich kann nicht gehen, ich will nicht.«
»Wir haben das doch gestern schon besprochen. Es ist alles vorbereitet, wir können nicht anders. Was sollen wir hier sonst tun?«
»Ich komme nicht mit.« Vivis Ton wurde aggressiv.
Joe passte die plötzliche Meinungsänderung gar nicht. Es war alles vorbereitet und nun würde sie im letzten Moment einen Rückzieher machen? Sie wusste genau, dass er ohne sie nicht gehen würde. Wie konnte sie nur ihre ganze Zukunft gefährden? Er hatte gedacht, sie würde jederzeit zu ihm stehen. Joe fühlte ein nervöses Unwohlsein, das es in seinem Magen rumoren ließ. Gestresst schrie er sie an: »Verdammte Scheiße, willst du hier verrecken? Was ist mit unserer Zukunft? Wolltest du nicht einmal Kinder? Sei vernünftig!«

Vivi wurde blass. So hatte Joe schon lange nicht mehr reagiert. »Ich habe Angst, Joe. Ich will nicht sterben. Natürlich will ich Kinder. Wie viele werden wir haben, Schatz?«
»Wenn du willst, werden wir ein ganzes Dutzend bekommen.«
»Joe, ich habe dich sehr lieb, du sollst wissen, dass ich immer zu dir stehen werde.«
»Ja, ich weiß.«

Er nahm Vivi in die Arme und drückte sie fest an sich. »Nun komm, wir müssen gehen.«
Kurz vor dem Abmarsch bekamen sie ihre Waffen ausgehändigt, und der Professor erklärte ihnen, worauf zu achten war. »Sie brauchen nur einigermaßen gut zu zielen, die Dinger sind so eingestellt, dass sie Personen oder andere Objekte automatisch erkennen und von selbst Korrekturen ausführen. Beachten Sie jedoch, dass der Dauerbeschuss nicht ewig möglich ist, der Energiespeicher muss immer wieder aufgeladen werden, dies geschieht mit dem integrierten Mikro Generator automatisch, auf der integrierten Anzeige sehen Sie den Status der Waffe. Schießen Sie also in kurzen Intervallen. Wenn wir auf dem Weg sind, können Sie ein paar Testschüsse machen. Und jetzt los!«

Sie gingen zusammen durch die Gänge des Komplexes und näherten sich einem Tor, welches in einen Tunnel führte. An dieser Stelle verabschiedete sich der Anführer, der sie zuvor ein Stück lang begleitet hatte.
»Passen Sie auf sich auf!«, meinte er, als er ihnen die Hand drückte. »Wir werden keinen Kontakt zu Ihnen herstellen, das ist sicherer. Ansonsten könnten die Neu-Germanier die Nachricht abhören und Sie orten. Erst, wenn Sie bei den Rebellen angekommen sind, wird der Professor eine verschlüsselte Nachricht senden.«

Mit einem mulmigen Gefühl machten sich Joe und Vivi in Begleitung des Professors in den Tunnel auf. Sie hatten gewusst, dass der Komplex der Antitechniker unter der Erdoberfläche lag. Nun waren sie äußerst froh über diese Tatsache, da sie nun unterirdisch durch das neu-germanische Territorium marschieren konnten, ohne Gefahr zu laufen, von jemandem gesehen zu werden. Erst nach vier Kilometern würde der Tunnel an die Erdoberfläche führen, allerdings waren sie dann bereits in einer unbevölkerten Gegend. Blieb nur zu hoffen, dass kein Fluggerät sie entdeckte.

Nach fast einer Stunde Marsch durch den geraden Tunnel versperrte ihnen ein Tor den Weg.
»Dies ist das Ende«, meinte der Professor. »Jetzt geht’s ans Tageslicht. Seien wir vorsichtig!«
Mit seiner starken Taschenlampe, die ihnen schon auf dem ganzen Weg gute Dienste geleistet hatte, leuchtete er auf eine Nische, in welcher sich ein Gerät mit Tasten befand. Nachdem der Professor einen Code eingetippt hatte, wurde die schwere Tür lautlos zur Seite geschoben und verschwand in der Tunnelwand. Hinter der Luke befand sich ein enger Raum. Sprossen aus Eisen führten an der Wand entlang nach oben. Der Professor zögerte nicht lange und begann zu klettern. Vivi folgte ihm und Joe bildete das Schlusslicht. Kurz bevor sie durch einen Schacht an die Erdoberfläche gelangten, tippte der Professor nochmals einen Code in ein Gerät ein, welches in die Wand montiert war. Mit einem leisen Zischlaut klappte sich der Deckel des Schachtes auf.
Vorsichtig stemmte der Professor den Deckel ein bisschen weiter auf und spähte in die Umgebung. Es war still, man hörte nicht einmal Fluglärm. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass keine Lebewesen in der Nähe waren.

»Los geht’s«, murmelte der Professor und schwang sich an die Oberfläche. Als Vivi und Joe neben ihm auf dem Erdboden standen, sahen sie, dass der Schachtdeckel, durch den sie eben geklettert waren, sehr gut durch Moos und Gewächse getarnt war. Wenn man nicht wusste, wo genau er sich befand, konnte man den geheimen Eingang in den Komplex der Antitechniker niemals finden. Ängstlich blickte Vivi sich um. Ihr Herz raste wie wild. Wenn die Neu-Germanier sie entdecken würden, wären ihre Chancen gleich Null. Sie rechnete damit, dass jede Sekunde ein Fluggerät auftauchen und sie niederschießen würde. Es gab nicht einmal viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Sie befanden sich in einer Ebene auf freiem Feld, außer ein paar Bäumen bot sich kein Unterschlupf an.

»Jetzt kommt der gefährliche Part«, teilte der Professor mit. »Die nächsten eineinhalb Kilometer müssen wir so gut wie ohne Deckung marschieren. Danach gelangen wir auf einen Hügel, wo es wenigstens ein paar Felsbrocken gibt. Falls irgendein Feind auftaucht, müssen Sie gewappnet sein. Es wäre gut, wenn Sie noch ein paar Schießübungen machen würden. Sehen Sie die beiden Bäume da vorne? Joe, schießen Sie darauf. Nur ein kurzer Druck auf den Abzug.«
Ein bisschen linkisch nahm Joe seine Strahlenwaffe in die Hand und visierte den näheren Baum an.
»Slllllrr!« Der Strahl war schnell und traf den Baumstamm in der Mitte, sodass er sogleich an der getroffenen Stelle pulverisierte und der Rest des Baumes zu Boden fiel.

Perplex über die Effizienz der Waffe drehte sich Joe zum Professor um.
»Was, diese Waffe soll keinen großen Schaden anrichten? Da wurde ein großer Teil des Baumes einfach pulverisiert«
»So ist es. Sie werden schnell merken, dass die Neu-Germanier Waffen besitzen, welche die Feuerkraft von dieser hier bei Weitem übersteigen. Zudem haben sie auch Waffen, um Sie zu betäuben. Diese können sie aber nur aus kurzer Entfernung abfeuern, also achten Sie auf Ihr Navi-Gerät, es wird Sie warnen, sobald sich irgendjemand in ihrem Umkreis bewegt. Nun, Vivi, der zweite Baum gehört Ihnen«, forderte der Professor sie auf, zu schießen.

Vivi zitterte, doch artig führte sie ihren Testschuss durch und erkannte, dass es gar nicht so schwierig war. Die Waffe korrigierte den Lauf selber und traf das Ziel in die Mitte. Als auch der zweite Baum am Boden lag, zogen sie weiter.
»Sie fragen sich bestimmt, ob es Helme gibt«, sprach der Professor, als er neben ihnen in raschem Schritttempo über die Ebene lief.
Joe nickte. »Ja, wozu braucht man die noch? «

»Helme haben nur noch die Aufgabe der Hologramm Projektion sowie der Informationsanzeige mittels Head-Up Displays. Manche Soldaten besitzen dazu noch ein mobiles Kraftfeld, doch darüber wissen wir nicht viel. Wir sahen Rebellen, die auf Offiziere schossen, welche sich aber nicht rührten. Alles prallte von ihnen ab. Den einzigen Schwachpunkt, den diese Kraftfelder haben, so vermuten wir, sind alte Waffen aus eurer Zeit. Diese durchdringen das Kraftfeld mühelos aufgrund der niedrigen Geschossgeschwindigkeit. Die Kraftfelder erkennen aus uns unbekanntem Grund die alten Bleigeschosse nicht als Bedrohung. Leider sind diese Waffen schwer zu bekommen. Aber unser Anführer zum Beispiel besitzt eine.«
Unterwegs erblickten sie in weiter Entfernung plötzlich einige Scheiben, die am Himmel kreisten. Vivi gefror das Blut in den Adern, doch die Fluggeräte waren zu weit weg, als dass sie sie hätten entdecken können.
»Was für eine Reichweite hat dieser Scanner?«, wollte Joe wissen.

»Circa 500 Meter, die Betäubungsgewehre müssen jedoch bis auf 300 Meter Nähe kommen, bevor man mit ihnen schießen kann. Sie haben demnach noch ein wenig Zeit, falls Sie entdeckt werden. Sollte ein Fluss in der Nähe sein, springen Sie hinein. Aus irgendeinem Grund können die Ortungssysteme der Neu-Germanier uns darin nicht finden, vielleicht wirkt das Wasser wie ein Spiegel und lenkt die Strahlen der Suchgeräte ab«, erklärte der Professor. »Vielleicht aber haben die Neu-Germanier diesen Fehler mittlerweile behoben, aber versuchen würde ich es allemal. Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Hier, dieser Ohrenstöpsel, mit dem können wir kommunizieren, sollten wir einmal nicht mehr so nahe aneinander gehen können.« Während er dies sprach, fasste der Professor in seine Hosentasche und reichte Vivi und Joe daraus je einen kleinen Knopf.

»Es gibt einen kleinen Druckknopf, sehen Sie, damit können Sie zwischen zwei Varianten wählen, ›Reden Normal‹ und ›Reden per Gedanken-Funk‹. Wir kommunizieren miteinander, indem wir denken. Aber keine Angst, das Gerät erkennt nur Gedanken, die gesendet werden wollen. Möchten Sie Vivi zum Beispiel sagen, wie gern Sie sie haben, dann denken Sie einfach: Sende an Vivi. Ich hab dich gern. Die Simulation ist so real, dass man meinen könnte, der Gesprächspartner stehe neben einem. Diese Technik hat vor 80 Jahren die Mobiltelefone sowie alle anderen Kommunikationsgeräte abgelöst. Es können auch Bildmitteilungen übertragen werden. Der Empfänger sieht das Bild vor sich – toll, oder? Ein Multifunktionales Spielzeug mit so einigen interessanten weiteren Optionen, selbst das Steuern von Fahrzeugen wird mittels Drahtloser Verbindung damit ermöglicht. Ihre aktuelle körperliche Verfassung und Vitalwerte werden ebenfalls aufgezeichnet und können so an Partner übertragen werden. Die meisten Funktionen werden Sie aber wohl kaum brauchen, die komplette Infrastruktur wie Ihr Internet existiert nicht mehr, auch Freundschaftliche Netzwerke wie Ihr „Facebook“ existieren nicht mehr. Die Neu-Germanier haben alles abgeschafft und Ihre eigenen Netzwerke errichtet. Geniales Spielzeug oder? «

»Absolut«, nickte Joe begeistert, als er sich den Knopf ins Ohr steckte und den zweiten an Vivi weiterreichte. »Sowas habe ich mir in meiner Zeit gewünscht« Vor sich sahen sie bereits den Hang des Hügels, den sie übersteigen mussten.
»In eineinhalb Stunden sind wir auf dem höchsten Punkt angelangt, von da aus können Sie große Teile des Gebiets überblicken. Der Empfang ist auf der Höhe besonders gut, deshalb werden wir dort unsere drei Navi-Geräte koppeln, sodass die Empfangsleistung verzehnfacht wird. Innerhalb von fünf Kilometern können wir dann alle Lebewesen orten. So sichern wir uns optimal ab und verschaffen uns ein gutes Bild von der Umgebung. Auf der anderen Hangseite des Hügels beginnt ein großflächiger Wald. Sobald wir im Unterholz sind, können wir uns eine Pause gönnen und etwas essen. Vorher können wir das leider noch nicht riskieren. Nach weiteren zehn Kilometern Marsch werden wir dann den Bunker der Rebellen erreichen.

Schweigend begannen sie mit dem Aufstieg, doch der Professor war anscheinend in Erzähllaune. Es vergingen selten ein paar Minuten, ohne dass er sprach.
»Wissen Sie noch, was ich Ihnen von den Friedensvögeln erzählt habe, ja? Sollten diese kommen, dann schießen Sie, wie gesagt, nicht auf sie. Sie sind viel zu schnell. Verstecken Sie sich und warten Sie, bis die Soldaten abgesprungen sind. Doch merken Sie sich eins, sollten Friedensvögel kommen, ist immer irgendwo ein kleines oder ein größeres Mutterschiff in der Nähe. Sie haben also eigentlich gar keine Zeit zu warten, man wird Sie sofort orten. Rennen Sie. Suchen Sie Schutz in einem Gewässer. Und werfen Sie Ihre Scanner weg, die Neu-Germanier werden diese zuerst finden. Zwar sendet der Scanner kein Signal, doch er strahlt ein kleines Magnetfeld aus und sie denken, es wären Menschen. Dies lenkt von Ihrem eigenen Magnetfeld ab. Ihnen bleiben dann vielleicht zwei bis drei Minuten. Viel ist es leider nicht.«

Nachdem sie eine Dose Energiegetränk zu sich genommen hatten, marschierten die drei weiter. Plötzlich hörten sie in weiter Ferne Musik, welche der Wind zu ihnen trug. Es war eine Art Trance, vermischt mit alten Gesängen aus der Wehrmacht.
»Seien Sie froh, dass wir nicht in der Nähe sind, diese Musik ist wie eine Gehirnwäsche, sie versetzt einen in einen undefinierbaren Zustand aus Glücksgefühl und Gehorsam. Die Musik hat irgendeine Wellenlänge, welche die Glückshormone stimuliert. Sie macht süchtig. Das alles muss für Sie ziemlich verwirrend klingen, doch es hat sich sehr vieles verändert in diesen 150 Jahren. Das Jahr 2042 zum Beispiel stand weltweit unter dem Motto der Technik. Es gab einen Fonds, und jeder, der etwas erfunden hatte, konnte sein Projekt einreichen und erhielt bei dessen Genehmigung die nötigen finanziellen Mittel für die Entwicklung. Patente wurde abgeschafft und jeder hatte Zugriff auf die neuesten Technologien. Dies hätte der Armutsbekämpfung in der Welt helfen sollen. Na ja, wie Sie sehen, wurde die Technik zur größten Gefahr … Duckt euch!«, schrie der Professor.
Eine Haunebu 6 flog über sie hinweg.
»Haben sie uns gesehen?«
»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber wahrscheinlich wären wir nun tot oder in Gefangenschaft, wenn sie uns gesehen hätten.«

Joe und Vivi zitterten, als der Professor weiter erklärte: »Normalerweise würde ein solches Schiff keine Gegner übersehen. Vielleicht aber war ein dringender Auftrag im Gange.«
Das Schiff war bereits aus ihrer Sichtweite entschwunden, was die drei ein bisschen aufatmen ließ.
»Los, weiter!«, drängte Vivi. »Wir sind schon fast oben auf dem Hügel.«
Nachdem sie ihre Navi-Geräte gekoppelt hatten, begannen sie mit dem Abstieg. Schon bald kamen sie in einen dichten Wald. Die hohen Tannen und das Unterholz gaben ihnen das Gefühl von Sicherheit. Trotzdem würde ein Scanner der Neu-Germanier ihre Magnetfelder orten können. Sie waren erst im Bunker der Rebellen sicher. Die zehn Kilometer durch den Wald verliefen jedoch glücklicherweise ohne Zwischenfälle.

Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 308
ISBN: 978-3-903155-14-5
Erscheinungsdatum: 14.06.2017
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